„Gesundheit im Betrieb – bei uns eine Grundregel.“

Welche Stellung nimmt BEM in einer betrieblichen Kultur pro Gesundheit ein?

Praxisbeispiel Nr. 05 (PDF)

Ausgangslage:

Wo stehen wir mit dem BEM? Wo wollen wir hin?
Frau Naumann erinnert sich: Es fing zunehmend an zu brodeln. Die Arbeitsanforderungen vor dem Hintergrund der Digitalisierung waren stetig höher geworden. In der Folge gingen die Fehlzeiten nach oben. Die PublicMedien GmbH, die mit 115 Beschäftigten mehrere regionale Zeitungen und Online-Plattformen herausbringt und betreibt, hat systematisch ein BEM eingeführt nachdem mehrere Beschäftigte über einen längeren Zeitraum krankheitsbedingt ausgefallen waren. Frau Naumann ist Chefredakteurin bei der PublicMedien GmbH. Sie war eine treibende Kraft, damit das BEM umgesetzt werden konnte.

Dem Betrieb, der über keine Interessensvertretung verfügt, geht es aber nicht nur darum, mit Hilfe des BEM Fehlzeiten zu verringern und den gesetzlichen Anforderungen zu entsprechen. Ebenso ist es das Ziel, die Mitarbeiter_innen langfristig beschäftigungsfähig zu halten und Prävention zu betreiben. Auf diese Weise lässt sich auch das Betriebsklima positiv beeinflussen.

Das BEM ist allen Beschäftigten bekannt. Für die meisten Menschen, die in der PublicMedien GmbH arbeiten, wird es gedanklich mit dem Ziel „Gesunderhaltung im Betrieb“ in Verbindung gebracht. Aber wie kann das BEM weiterentwickelt werden und Ausgangspunkt einer umfassenden betrieblichen Gesundheitskultur sein?

Gemeinsam mit der Geschäftsleitung Herrn Lublin und den beiden Abteilungsleitungen stellt sich Frau Naumann bei dieser Ausgangslage folgende Fragen:
• Was bedeutet für uns eine betriebliche Kultur pro Gesundheit?
• Welche Wirkungen hat das BEM, die wir für ein umfassendes Gesundheitsmanagement im Betrieb nutzen können?
• Wie wirken weitere Aktivitäten zur Mitarbeitergesundheit zurück auf das BEM?
• Welche weiteren Ansätze im Betrieb haben wir schon, die wir mit dem BEM in Beziehung setzen können?

Analyse:

Was ist uns wichtig in Bezug auf Gesundheit im Betrieb?
Zunächst gelingt es Frau Naumann, mit der Geschäftsleitung Einigkeit in Bezug auf einen zentralen Punkt herzustellen: das BEM steht mit allen weiteren Aktivitäten eines Gesundheitsnetzes in beflügelnder Wechselwirkung. Es ermöglicht einerseits die Entwicklung und Schärfung weiterer Gesundheitsmaßnahmen im Betrieb. Andererseits wirken die weiteren Maßnahmen, wenn sie mit dem BEM verbunden sind, wieder zurück auf die Qualität des BEM. Ein funktionierendes Gesundheitsnetz stärkt sowohl bei den BEM-Berechtigten als auch bei den übrigen Beschäftigten das Vertrauen in den BEM-Prozess.

Eine betriebliche Kultur pro Gesundheit, so das Ergebnis der weiteren Diskussion, ist dann erreicht, wenn alle täglichen Arbeitsvorgänge und alle Arbeitsbedingungen im Betrieb auf mögliche gesundheitliche Verbesserungen überprüft und diese gegebenenfalls durchgeführt werden. Die Überprüfungen müssen regelmäßig geschehen, damit eine Gesundheitskultur stetig verbessert werden kann. Wichtig dabei ist, dass zur Gesundheitskultur all diejenigen Wertorientierungen gehören, die über den gesetzlich verpflichtenden Arbeits- und Gesundheitsschutz hinausgehen.

Mit Blick auf das BEM sind das vor allem:
• Umgang mit Krankheit
• gesundheitsgerechtes Führen
• altersgerechtes Arbeiten

Geschäftsleiter Herr Lublin sieht das BEM in erster Linie als eine Maßnahme zu Rehabilitation, in zweiter Linie auch zur Prävention – nämlich dann, wenn im Rahmen der Eingliederung z.B. Arbeitsplatz- und Gefährdungsanalysen zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Arbeitsbedingungen führen.

Chefredakteurin Frau Naumann denkt weiter: Das BEM kann Ausgangspunkt für eine Gesundheitskultur im Betrieb sein, um auch ohne konkreten BEM-Fall präventive Maßnahmen im Betrieb einzuleiten.

Herr Lublin und Frau Naumann beschließen, eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen. Die Befragung soll helfen, die allgemeine Arbeitszufriedenheit, das Betriebsklima und den Bedarf an gesundheitsorientierten Verbesserungen feststellen zu können. Im Speziellen wird die Belegschaft auch nach ihrer Kenntnis und ihrer Meinung zum BEM gefragt.

Neben dem BEM und einer physischen und psychischen Gefährdungsanalyse gibt es bei der PublicMedien GmbH bereits einige weitere Aktivitäten welche die betriebliche Gesundheit verbessern sollen. Es handelt sich um verschiedene Maßnahmen in Bezug auf Bewegung, Ernährung und Entspannung, die schriftlich festgehaltenen Grundsätze einer guten Führung, ein Raucherentwöhnungsprogramm und ein Leitbild zur Mitarbeiterorientierung. Aber auch der Bereich der Personalentwicklung gehört dazu, denn Qualifizierungsmaßnahmen sorgen dafür, dass die Anforderungen der Tätigkeit und die Fähigkeiten der Beschäftigten langfristig im Einklang bleiben. Schließlich gilt es, alle aufeinander abgestimmten Maßnahmen zur Gesundheit im Betrieb im Qualitätsmanagement zu erfassen und ihre Verbesserung zu dokumentieren. Der Vorteil eines solchen Vorgehens: Ein Qualitätsmanagementsystem sichert die Abläufe des beschlossenen Verfahrens ab.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse, Teil 3, S. 63

Die Rücklaufquote der Befragung beträgt 60 Prozent, ein zufriedenstellender Wert. Ein großer Teil der Belegschaft erkennt einen hohen Arbeitsdruck und einen Verbesserungsbedarf im Kontakt mit den Führungskräften. Viele Mitarbeiter_innen möchten stärker in Entscheidungen zu betrieblichen Veränderungen einbezogen werden. Die Mehrheit wünscht zudem eine gesundheitsorientierte Arbeitsumgebung.

Das Ergebnis der Mitarbeiterbefragung wird im internen Netzwerk des Betriebes veröffentlicht. Außerdem wird es in der nächsten Belegschaftsversammlung als Ausgangspunkt für den Aufbau eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements vorgestellt. Das Motto des BEM gilt, übertragen auf alle Beschäftigten, auch für eine allgemeine Gesundheitskultur im Betrieb: „Nichts über uns ohne uns.“

Maßnahmen:

Was entwickeln wir? Wie verbinden wir die Ansätze?
Frau Naumann, Herr Lublin sowie die beiden Abteilungsleitungen der PublicMedien GmbH bildet nun die Projektgruppe, die mit dem Aufbau eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements betraut ist. Sie wird ergänzt durch den Arbeitssicherheitsausschuss und zwei engagierte Mitarbeiter_innen.

Die Projektgruppe entschließt sich, einen Gesundheitstag zu veranstalten, um den Beschäftigten aufzuzeigen, welche weiteren Möglichkeiten es geben kann, um den Stellenwert von Gesundheit im Betrieb zu erhöhen. Zu diesem Zweck ist eine Reihe von Anbietern eingeladen worden, welche ihre Leistungen für betriebliche Gesundheit demonstrieren. Mit dabei ist eine Betriebskrankenkasse und weitere Träger der Sozialversicherungen, das Integrationsamt, aber auch die örtliche Klinik und kleine Dienstleistungsbetriebe für Fitness und Physiotherapie. Im Zentrum des Gesundheitstages soll das BEM stehen, weil es der Ausgangspunkt dafür ist, dass der Betrieb ein systematisches Gesundheitsmanagement aufbauen will. Damit wäre der Betrieb innerhalb seiner Betriebsgröße gut im Rennen um die Gesundheit der Beschäftigten.

Die Beschäftigten der PublicMedien GmbH lernen verschiedene Ansätze kennen, die präventiv wirken. Mit den Informationen zur Einführung des BEM haben sie schon erfahren, dass ihnen im ernsten Krankheitsfall, wenn also „das Kind in den Brunnen gefallen“ ist, die Chance ihres Arbeitsplatzerhalts ermöglicht wird.

Die Projektgruppe leitet in einem nächsten Schritt aus den Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung und den Erkenntnissen aus dem Gesundheitstag konkrete Maßnahmen zur Gesundheitsförderung ab. Sie sind passgenauer als die bisherigen Aktivitäten, weil es eine Analyse des konkreten Bedarfes gegeben hat: Führungskräfteschulungen zur Gesundheitsorientierung sind dabei, organisatorische Verbesserungen und ergonomische Arbeitsplätze mit Blick auf eine älter werdende Belegschaft.

Der folgende Schritt ist der entscheidende, um das Thema Gesundheit mit dem BEM als zentraler Bezugsgröße im Betrieb zu verankern. Das BEM wird deshalb verbunden mit
• dem gesetzlich geregelten Arbeits- und Gesundheitsschutz. Die Verbindungen zum BEM bilden im Wesentlichen die Gefährdungsbeurteilung, arbeitsmedizinischer Vorsorge sowie die Unfalluntersuchung.
• allen anderen Aktivitäten zur betrieblichen Gesundheit, die nach der Mitarbeiterbefragung teilweise neu und besser ausgerichtet worden sind. Hierbei spielen zum Beispiel die Umgestaltung von Arbeitsplätzen mit Blick auf ergonomische Anforderungen eine Rolle.

Um das BEM herum entsteht nun ein Beziehungsnetzwerk aus allen gesundheitsorientierten Maßnahmen. Das Netzwerk wird dann die Grundlage eines umfassenden Betrieblichen Gesundheitsmanagements, das laufend weiterentwickelt und im Qualitätsmanagement erfasst wird. Das BEM und der Bedarf, der aus den jeweiligen BEM-Verfahren entsteht, wird also dadurch zum Ausgangspunkt für eine Kultur der Gesundheit im Betrieb.

Frau Naumann betont in der Projektgruppe, dass es erst einmal ein direktes Zusammenwirken des BEM mit dem Arbeitsschutz geben sollte. Das betrifft vor allem die arbeitsmedizinische Vorsorge, die Gefährdungsbeurteilung und die Unfalluntersuchung. Dadurch erhält das BEM auch einen stärker präventiven Charakter.

Die Personalentwicklung beschließt daher, systematisch Führungskräfteschulungen durchzuführen und auch Supervision anzubieten – ein präventiver Schritt zur Vermeidung von manchem BEM-Fall!

Im Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung haben die PublicMedien GmbH in der Vergangenheit eine Reihe von Maßnahmen gestartet ohne aber den Bedarf der Beschäftigten vorher zu klären. Die Teilnahme an den Maßnahmen blieb folglich gering. Das soll sich ändern, denn nun gibt es Maßnahmen, die aus den Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung entwickelt wurden. Auch BEM-Berechtigte im Eingliederungsverfahren können von diesen Maßnahmen profitieren.

Frau Naumann erinnert daran, dass einige aktuelle BEM-Fälle der PublicMedien GmbH auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Klar ist natürlich, dass es dafür oft viele Gründe gibt, aber eine gute Führung im Betrieb wirkt. Der Befund deckt sich mit den Wünschen aus der Mitarbeiterbefragung. Die Personalentwicklung beschließt daher, systematisch Führungskräfteschulungen durchzuführen und auch Supervision anzubieten – ein präventiver Schritt zur Vermeidung von manchem BEM-Fall!

Ergebnis:

Was hat sich verändert?
Das BEM hat im Ergebnis bewirkt, dass ein Gesundheitsmanagement in der PublicMedien GmbH entstanden ist und
• die Maßnahmen professioneller geworden und auf den Bedarf zugeschnitten sind,
• die Abläufe standardisiert werden konnten,
• über ein Beziehungsnetzwerk alle Aktivitäten zur betrieblichen Gesundheit miteinander verbunden und damit wirkungsvoller sind,
• die Beschäftigten eine Idee erhalten haben, was Gesundheit im Betrieb ausmacht.
Mittlerweile ist das BEM damit vom Ausgangspunkt zum Bestandteil eines umfassenden Betrieblichen Gesundheitsmanagements geworden.

Frau Naumann weiß aus ihrer täglichen Arbeit: Unterstützend für eine umfassende Kultur der Gesundheit im Betrieb gelten wesentliche fördernde Punkte, die auch schon ein gutes BEM unterstützen, nämlich unter anderen das Vorhandensein von Schlüsselpersonen, eine offene, gesundheitsorientierte Führung, externe Unterstützung und vor allem: einer Vertrauenskultur1.

Ergebnis des Workshops auf der RE-BEM-Fachtagung:

Robert Müller im Interview:

 

1Handlungsleitfaden, S. 12 Schritt 1 Orientierungsphase: „Das BEM lebt vom Vertrauen – von Anfang an!“